von Dr. med. Klaus Merle 

Zeckenübertragbare Krankheiten

März 24, 2022 in Arbeitsmedizin, Reisemedizin

Quel­le: CRM “zecken­über­trsgba­re Krank­hei­ten”, März 2022, Prof. Dr. Tomas Jelinek

Die Zecken sind eine Ord­nung der Mil­ben, die der Über­ord­nung Para­si­ti­for­mes zuge­ord­net wer­den. Sie gehö­ren zur Klas­se der Spin­nen­tie­re (Arach­ni­da) und sind vom Stamm her Glie­der­fü­ßer (Arthro­po­da). Alle Arten sind blut­saugen­de Ekto­pa­ra­si­ten an Wir­bel­tie­ren, dar­un­ter auch dem Menschen.


Vektoren der zeckenübertragbaren Krankheiten

Lebenszyklus der Zecken

Je frü­her das Sta­di­um der Zecke, um so klei­ner sind auch die Wir­te, Wäh­rend Lar­ven mehr klei­ne­re Tie­re wie Mäu­se oder Igel als Wirt haben fin­det man die Nym­phen über­wie­gend bei Füch­sen und Hasen und die adul­ten Zecken bei Groß­wild und Men­schen. Es ist aber nicht aus­ge­schlos­sen, dass man bei Men­schen alle Ent­wick­lungs­sta­di­en der Zecke fin­den kann. Über Vögel kann die Zecke auch über wei­te Stre­cken ver­brei­tet werden.


Andocken an den Wirt

Von der Nomen­kla­tur her spricht man beim Ando­cken von einem Zecken­stich und nicht von einem Zecken­biss. Mit ihren Mund­werk­sä­gen “sägen” sie sich durch die Haut und tref­fen dabei auf Blut­ge­fä­ße. Im Sekret der Zecke befin­det sich ein Anäs­the­ti­kum, was den Schmerz ver­hin­dert. Wei­ter­hin bewirkt das Sekret eine Abdich­tung der Wun­de, es för­dert die Throm­bo­zy­ten­ag­gre­ga­ti­on. Wäh­rend sich die FSME-Viren in den Spei­chel­drü­sen befin­den und sofort beim Stich über­tra­gen wer­den hal­ten sich die Bor­rel­li­en im Magen-Darm-Trakt der Zecke auf und benö­ti­gen für ihre Akti­vie­rung erst eine Blutmahlzeit. 

Prä­di­lek­ti­ons­stel­len sind Knie­keh­len, Kopf, Geni­tal­be­rei­che  und Ach­sel­höh­len — also dort, wo man leicht schwitzt. Des­halb soll­te man zum Schutz gezielt an die­sen Stel­len Repel­len­tien aufbringen.


Erkrankungen durch Zecken übertragen

Rickettsiosen — Fleckfieber

Beim Zecken­biss­fie­ber han­delt es sich in ers­ter Linie um eine Rei­se­krank­heit, in Deutsch­land kom­men die Erre­ger bzw. Vek­to­ren noch nicht vor. Patho­gno­mo­nisch ist der Eschar. Es ist also eine Blick­dia­gno­se, die dann auch sofort ent­spre­chend behan­delt wer­den soll­te. Der sero­lo­gi­sche Nach­weis dau­ert 6 — 8 Wochen. Dar­auf soll­te man nicht war­ten, bevor man the­ra­piert. The­ra­pie der Wahl ist Doxy­cy­clin 200 mg über 2 Wochen. Unbe­han­delt endet die Erkran­kung in 10 — 40 % töd­lich. Ein früh­zei­ti­ger Behand­lungs­be­ginn ist ent­schei­dend für den Verlauf.


FSME

Das FSME-Virus ist ein Fla­vi­vi­rus, was in Wild­tie­ren lebt und über Schild­ze­cken über­tra­gen wird. Es gibt meh­re­re Vari­an­ten und 3 Sub­ty­pen. Auch bei den Zecken unter­schei­det man zwei Arten.

In Deutsch­land ist die Ver­brei­tung eher im Süden und Osten (Bay­ern, Baden-Würt­tem­berg, Thü­rin­gen). Gene­rell ist es aber mög­lich, dass die Erkran­kung in ganz Deutsch­land vor­kom­men kann. Auf den Kar­ten sieht man schon im Lau­fe der Jah­re eine Bewe­gung in Rich­tung Nor­den. Risi­ko­ge­bie­te wer­den anhand von Fall­zah­len aus­ge­ru­fen. Man kann im Ver­gleich zu 2015 gut erken­nen, wie aus weni­gen Fall­zah­len mehr wur­den und neue Risi­ko­ge­bie­te ent­stan­den — zum Bei­spiel an der Gren­ze zu Tschechien.

Die Über­tra­gungs­we­ge sind unter­schied­lich und wer­den in der Abbil­dung unten beschrieben.

Beim Zecken­stich wer­den die Erre­ger, die sich in den Spei­chel­drü­sen der Zecke befin­den, direkt in den Kör­per abge­son­dert — die Anste­ckung erfolgt also unmit­tel­bar nach dem Stich.

Die Zecken­sai­son beginnt im April, hat den Höhe­punkt im Juni / Juli und endet im Okto­ber / November.

Die Krank­heit braucht nach Infek­ti­on bis zu zwei Wochen, um in Erschei­nung zu tre­ten. Nach einer Fie­ber­pha­se von ca. 1 Woche ver­ge­hen 3 Wochen ohne Sym­pto­me bis dann neu­ro­lo­gi­sche Stö­run­gen auf­tre­ten kön­nen. Die Risi­ko­ab­schät­zung auf dem rech­ten Bild zeigt, dass es nur in 1 — 2 % zu schwe­ren Ver­läu­fen kommt, wovon fast 95 % voll­stän­dig aus­hei­len, in 3 — 10 % Rest­sym­pto­me ver­blei­ben und in 1 — 2 % das Gan­ze einen töd­li­chen Ver­lauf nimmt. Zecken sind in weni­ger als 1 % mit dem FSME-Virus infiziert.

Gegen die Infek­ti­on gibt es eine sehr effek­ti­ve Imp­fung, die nach Grund­im­mu­ni­sie­rung mit 3 Impf­do­sen laut Her­stel­ler alle 3 — 5 Jah­re auf­ge­frischt wer­den soll. Die Wis­sen­schaft geht aber bei einer Grund­im­mu­ni­sie­rung von einer Immu­ni­tät aus, die mehr als 10 Jah­re besteht — also die Boos­ter­ab­stän­de eher deut­lich höher legt.


Borreliose

Bor­re­li­en gehö­ren zur Fami­lie der Spi­ro­chä­ten.  Spi­ro­chä­ten sind aktiv beweg­li­che, schrau­ben­för­mi­ge, gram­ne­ga­ti­ve Bak­te­ri­en mit zwei Zell­mem­bra­nen und rela­tiv weni­gen Win­dun­gen oder Umdre­hun­gen. Sie haben einen Durch­mes­ser von etwa 0,3 Mikro­me­tern und kön­nen 10 bis 20 Mikro­me­ter lang wer­den. Zur Fort­be­we­gung set­zen sie umhüll­te Fla­gel­len­bün­del ein. Die Zusam­men­set­zung der Zell­wand bzw. der äuße­ren Mem­bran ver­än­dert sich je nach Pha­se des Infek­ti­ons­zy­klus. Ein kenn­zeich­nen­des Lipo­pro­te­in in der äuße­ren Men­bran ist das OspA, was für den Ent­wick­lungs­an­satz eines Impf­stof­fes eine Rol­le spielt.

Man unter­schei­det meh­re Arten von Bor­re­li­en mit ver­schie­de­nen Mem­bran­an­ti­ge­nen OspA ST1 bis ST6. In Ame­ri­ka gibt es über­wie­gend nur Bor­re­lia burg­dor­fe­ri (ST1), wäh­rend in Euro­pa meh­re­re Arten prä­sent sind.

Über­trä­ger in Euro­pa ist über­wie­gend der gemei­ne Holz­bock, wäh­rend in Ame­ri­ka die Schild­ze­cke die Bor­re­li­en überträgt.

Die Haupt­in­fek­ti­ons­zeit ist abhän­gig vom Über­trä­ger, der wie bei der FSME einen Schwer­punkt in den Mona­ten Juni / Juli / August hat. Das Vor­kom­men in Deutsch­land kon­zen­triert sich mehr auf die Ost­hälf­te, wo bei man fest­stel­len muss, das Bor­re­lio­se ledig­lich in den neu­en Bun­des­län­dern mel­de­pflich­tig ist und daher auch mit mehr Fall­zah­len im Wes­ten gerech­net wer­den muss. Die Dun­kel­zif­fer ist hier sicher­lich höher.

Drei Zecken­ar­ten ( B. burg­dor­fe­ri, B. afze­lii und b. gar­nii) machen nach­weis­lich eine Lyme-Bor­re­lio­se mit unter­schied­li­chen Aus­prä­gun­gen an Gelen­ken, Gehirn und Haut.

Patho­gno­mo­nisch für eine Infek­ti­on mit Bor­re­li­en ist das Ery­the­ma mic­rans.



Für eine The­ra­pie einer spä­ten Bor­re­lio­se ist das Ber­li­ner Sche­ma sehr erfolgreich.

Wie schon erläu­tert wird nach einer Blut­mahl­zeit durch Ver­än­de­rung von Tem­pe­ra­tur und pH OspA in OspC umge­wan­delt, was eine Pene­tra­ti­on in die Spei­chel­drü­sen und damit eine Über­tra­gung auf den Men­schen mög­lich macht. Die Idee bei einer Imp­fung ist, dass man das Immun­sys­tem gegen OspA sen­si­bi­li­siert und Anti­kör­per gebil­det wer­den. Beim ers­ten Saug­akt docken die­se Anti­kör­per an das OspA in der äuße­ren Mem­bran an und inak­ti­vie­ren die Bor­re­li­en. Somit ist eine Umwand­lung in OspC und damit eine Über­tra­gung auf den Men­schen nicht mehr mög­lich. Die Bor­re­li­en wer­den in der Zecke inaktiviert.


Zum Schluß noch eini­ge Infor­ma­tio­nen und Ver­hal­tens­re­geln beim Befall mit einer Zecke. Ein Ansatz wäre auch, Doxy­cy­clin 200 mg in einer Ein­mal­do­sis zur Pro­phy­la­xe nach Zecken­stich zu geben. Ame­ri­ka­ni­sche Stu­di­en zei­gen hier gute Ergebnisse.

Beim Ent­fer­nen der Zecke die Pin­zet­te direkt über der Haut (nicht am Zecken­kör­per) anset­zen und die Zecke ent­fer­nen. Wenn der Sta­chel in der Haut bleibt ist das ungefährlich.Dieser Teil kann nicht infi­zie­ren und wird mit der Zeit von der Haut abge­sto­ßen und kann so leicht ent­fernt werden.


Über den Autor

Dr. med. Klaus Merle

Facharzt für Allgemeinmedizin und Arbeitsmedizin

Sportmedizin / Reisemedizin / Chirotherapie..